Um Reflexintegrationstraining zu verstehen bedarf es ausführliche Informationen. Ich habe versucht, das Wesentliche möglichst kurz zusammenzufassen.
Was sind frühkindliche (primitive) Reflexe?
Frühkindliche Reflexe sind angeborene, automatisierte und aufeinander aufbauende Bewegungsmuster, die Babys zum Teil bereits im Mutterleib entwickeln und die vor allem im ersten Lebensjahr aktiv sind. Sie haben ihren Sitz im Hirnstamm und treten ohne bewusste Steuerung auf. Frühkindliche Reflexe helfen dem Baby beim Überleben (Nahrungsaufnahme, Selbstschutz) und bei der ersten Erkundung der Welt. Durch das Zusammenspiel von Sinnesorganen, Muskeln und Nervensystem entwickeln sich Tiefensensibilität, Koordination, Motorik, Sprache, visuelle Wahrnehmung, das Gehör mit dem Gleichgewichtssinn sowie die emotionale Regulation.
Frühkindliche Reflexe und deren Integration sind also essentiell für eine ausgeglichene und gesunde Entwicklung.
Insgesamt sind etwa 20 bis 30 frühkindliche Reflexe bei Babys zu beobachten. Einige dieser Reflexe sind sehr bekannt und gut erforscht.
Nehmen wir als Beispiel den Greifreflex, der dem Selbstschutz dient: Wenn die Handfläche eines Säuglings berührt wird, schließt das Baby reflexartig mit starkem Griff die Finger um den Gegenstand, egal ob es für das Baby in dem Moment sinnvoll ist oder nicht.
Was passiert bei einer intakten Integration (Hemmung) von frühkindlichen Reflexen?
Durch sich ständig wiederholende Bewegungen und wiederkehrende Reize werden die bereits existierenden Nervenzellen durch Synapsen miteinander verbunden bzw. vernetzt. Erst durch diese Vernetzung wird eine Kommunikation zwischen Sinnesorganen, Muskeln und Gehirn ermöglicht. In den ersten Lebensjahren kommt es (vor allem auf Grund der frühkindlichen Reflexe) zu einer explosionsartigen Zunahme der Synapsen die ihren Höhepunkt bei drei Jahren erreicht und sich bis ins Erwachsenenalter wieder reduziert.
Mit zunehmender Reifung des zentralen Nervensystems - sprich mit zunehmender Anzahl der Synapsen - lernt das Gehirn, diese unwillkürlichen Bewegungsmuster zu kontrollieren und auszuschalten. Dies wird als Integration bezeichnet. Somit können die nun immer komplexer werdenden Bewegungen bewusst, also willkürlich gesteuert und Denkprozesse geschaffen werden.
Nehmen wir als Beispiel wieder den Greifreflex: mit zunehmender Vernetzung der Nervenzellen wird das automatisierte Greifen in der Übergangsphase schwächer und das Halten/Loslassen ist noch unkoordiniert. Mit der Zeit lernt das Nervensystem (durch Bildung von Synapsen), die Reflexantwort zu kontrollieren bzw. zu unterdrücken und die Muskelaktivität zu regulieren, sodass gezieltes Greifen, Loslassen und erste feinere Bewegungen möglich sind.
Warum werden manche frühkindliche Reflexe nicht integriert?
Manche frühkindlichen Reflexe werden nicht vollständig integriert, weil die Reifung des Nervensystems gestört oder verzögert ist. Die Integration passiert vor allem im ersten Lebensjahr, wenn höhere Gehirnzentren die Reflexe „übernehmen“ und dauert in etwa bis zum 3. Lebensjahr an. Dafür braucht das Gehirn ausreichende Reize, Bewegung und eine stabile Entwicklung. Wenn das Gehirn bestimmte Entwicklungsschritte überspringt oder nicht ausreichend übt, bleibt der Reflex als „Notfallprogramm“ aktiv.
Die häufigsten Ursachen dafür sind:
- In der Schwangerschaft: Fehllage, psychische Belastungen & Stress, Fehlbelastungen
- Im Zusammenhang mit der Geburt: Sauerstoffmangel durch Komplikationen, sehr schnelle oder sehr lange Geburt, Geburt mit Saugglocke, Kaiserschnitt, Frühgeburt oder sehr niedriges Geburtsgewicht
- Frühkindliche Entwicklung: Überreizung, kein Stillen, zu wenig oder einseitige Bewegung, wenig Bodenzeit, kein/ kaum Krabbeln oder Rollen, frühes und langes Sitzen in Babyschalen, Wippen etc.
- Kleinkindalter: fehlende/falsche Bewegung, zu viel Fernsehen u.a., wenig Überkreuz-Bewegungen (wichtig für Gehirnvernetzung)
- Andere Erkrankungen: häufige oder schwere Infekte im frühen Leben, Verletzungen, Krankheiten
- neurodiverse Profile: z.B. ADHS, ADS, Autismus, LRS/Dyskalkulie, sensomotorischen Entwicklungsverzögerungen
- Neurologische und strukturelle Ursachen: Cerebralparese, Spastik, Fehlbildungen, Wirbelblockaden, Schädel- Wirbelsäulenbelastungen, Schädel-Hirn Trauma
- Traumatische Erlebnisse: emotionale oder körperliche Traumata
Wichtig! Nicht integrierte Reflexe sind keine Schuld und auch keine Krankheit, sondern ein Hinweis darauf, dass das Nervensystem noch Unterstützung braucht. Durch gezielte Bewegungsübungen (Reflexintegrationstraining) können viele Reflexe auch später noch gehemmt werden.
Wie machen sich nichtintegrierte frühkindliche Reflexe bemerkbar?
Nichtintegrierte frühkindliche Reflexe können sich auf verschiedene Weise äußern und im Alltag bemerkbar machen. Die Anzeichen sind individuell unterschiedlich und hängen davon ab, welche Reflexe nicht vollständig integriert sind. Einige häufige Anzeichen sind zum Beispiel folgende:
Motorische Schwierigkeiten: z.B. Koordinationsprobleme (mangelndes Gleichgewicht und/ oder Tiefensensibilität), hoher oder niedriger Muskeltonus, feinmotorische Schwierigkeiten (z.B. verkrampfte Stifthaltung, kippende Handschrift), Tollpatschigkeit (häufiges Fallenlassen/Umwerfen von Gegenständen, unkoordiniertes Gangbild), fehlendes Feingefühl, ….
Sprachentwicklungsstörung
Hyperaktivität oder Unruhe: übermäßiger Bewegungsdrang, Schwierigkeiten lange und still zu sitzen
Emotionale Probleme: Stimmungsschwankungen, Ängste, emotionale Überreaktionen
Verhaltensauffälligkeiten: impulsives Verhalten, Frustration, mangelndes Durchhaltevermögen, Schwierigkeiten im sozialen Umgang.
Konzentrationsprobleme: Kinder oder Erwachsene haben Schwierigkeiten, sich auf Aufgaben zu fokussieren oder aufmerksam zu bleiben.
Sensorische Überempfindlichkeit: Betroffene reagieren empfindlich auf Geräusche, Licht oder Berührungen.
Schulische Probleme: Verwechseln von Buchstaben (kann als Legasthenie fehlinterpretiert werden), langsames und fehlerhaftes Abschreiben von der Tafel, Schwierigkeiten, die Zeile oder den Blattrand einzuhalten u.a.
Schlafprobleme, schnelle Ermüdung, Verspannungen, Fehlhaltungen (z.B. Skoliose), Bettnässen, Probleme beim Brustschwimmen, Reiseübelkeit, Schielen, schlechte Auge- Handkoordination, Sprachprobleme u.v.m.
Wie läuft das Reflexintegrationstraining ab?
Bei einem Erstgespräch (auch telefonisch möglich) werden bestehende Probleme aufgenommen und eine kurze Anamnese durchgeführt. Ein umfangreicher Fragebogen gibt vorweg Aufschluss über eventuell persistierende frühkindliche Reflexe, welche dann bei den folgenden Terminen speziell getestet werden. Zur Integration eines bestehenden Reflexes erkläre ich Ihnen gezielte Übungen, die Sie oder Ihr Kind dann zuhause mindestens 5 mal pro Woche für ca. 4 Wochen lang durchführen müssen. Durch die rhythmische und sich wiederholende Ausführung der Bewegungen sollen fehlende Nervenverbindungen nachträglich gebildet und gestärkt werden, so dass sich der Reflex im autonomen Nervensystem integrieren kann. Die Dauer der Übungsreihen beträgt ca 10 min. Meistens ist allerdings nicht nur ein Reflex betroffen, sondern eine Kette von 3- 6 Reflexen. Das ist ganz unterschiedlich. Nach den 4 Wochen wird dann nochmal getestet, ob der Reflex integriert ist. Dann kann bei Bedarf der nächste Reflex mit neuen Übungsreihen angegangen werden….. Es sind also mindestens 2 und höchstens 9 Termine bei einer Dauer von 1 - 9 Monaten notwendig.
Das Training findet nach der von Silke Krämer entwickelten Methode „Rexi Rockstars“ statt, welches bzgl. der Aufmachung besonders für Kinder sehr motivierend ist. Jeder Reflex wird nämlich von einem Tier verkörpert und auf den Übungsbögen ansprechend und kindgerecht illustriert. Angeleitet wird das Ganze von der Stoffkatze Rexi und als Bonus gibt es für jedes Mal Üben einen aufklebbaren Sticker zur Belohnung dazu. Die Übungen selbst sind natürlich für Erwachsene gleichermaßen geeignet. Da gibt es keinen Unterschied zu anderen Trainingsmethoden.
Wo findet es statt und was kostet es?
Ich bin überwiegend mobil unterwegs, praktiziere aber auch in Ausnahmefällen bei mir zuhause.
Preise: Erstgespräch (meist telefonisch) kostenlos, Zusenden + Auswerten des Fragebogens + Zweitgespräch 25€
Jeder weitere Termin 70€ pro Stunde (+ ca 0.50 € Kilometerpauschale), illustrierte Übungsanleitungen + zugehörige Sticker gibt es kostenlos dazu
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